Ich höre was, was ich nicht sehe - ein CI-Bericht

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Auf der Suche nach Geräuschen

Im Anschluss an die Anpassung hatte ich einen Termin bei der Logopädin. Auf dem Weg dorthin und im Wartezimmer, dominant ein Klingeln. Doch hoppla! Da höre ich doch noch etwas anderes! Es hebt sich doch unterhalb des Klingelns ein Rhythmus ab. Ich suche, was das ist und sah, eine Frau kommt. Ah, das sind Schritte.

Die Logopädin machte Geräusche! Türen schlagen, klatschen, sprechen, rascheln. Mühsam merkte ich den Unterschied. Sie hatten das selbe Klingeln, aber einen anderen Rhythmus. Das Türenschlagen und Händeklatschen hatten einen sehr ähnlichen Rhythmus. Sprechen und Papierrascheln auch. Nach mehreren Malen bemerkte ich, Rascheln hat ein gleich bleibendes Klingeln, Sprechen hat eine Klingelmelodie.

Alle sagten zu mir, anfangs klingt alles wie bei Micky Maus oder einem Roboter. Bei mir stand  unterm Weihnachtsbaum ein Christkind und klingelte.

Am dritten Morgen war wieder eine Anpassung. Oh, mein Christkind spricht. Es war zwar noch nicht die Sprache, die ich auch spreche, aber immerhin, es war schon eine Stimmenmelodie. Es war ein Orchester mit einer vorlauten ersten Geige.

Die Schwester machte im Zimmer Geräusche, die ich meist an ihrer Klingelmelodie erkannte. Beim Spazierengehen - Schritte, eine Autotür fällt zu. Im Speisesaal - ein sehr hoher und lauter Geräuschebrei. Aber, der Mann, der neben mir stand und spricht, klang anders! Stähle schieben, Schritte, Kaffeemaschine, eine Frau füllt Wasser in eine Kanne - klar, das erkannte ich schon. Sie merkte, ich beobachtete sie und ließ das Wasser langsam einlaufen.

Das Orchester wurde also schon differenzierter! So langsam wurde Weihnachten und ich packte meine Geschenke aus.

Stühle rücken und Schritte waren mir nun schon geläufig. Ich erkannte die Melodie und wusste, das waren Schritte. Nur fiel es mir sehr schwer zu begreifen, dass es Schritte sind.

Wenn ich mich unterhielt, dachte ich: "Stimmen höre ich gar nicht". Dann merkte ich bzw. machte mir bewusst klar: "was ich höre, sind Stimmen!". Was ich sah und was ich hörte, passte nicht zusammen.

Es war so, also ob ich den Mund sah und die akustische Information kam aus dem Weltall.

So langsam bemerkte ich bei meiner Schwester schon ein individuelle Stimmenmelodie und einige Wochen später waren mir viele Geräusche und auch Stimmen schon geläufig. Nach einiger Zeit wurde die Art zu hören normal und gut erkennbar. Meine Hauptbeschäftigung in den nächsten Wochen nannte meine Schwester: "Karin ist auf der Suche nach Geräuschen".

Zuhause erkannte ich immer mehr Geräuschemelodien. Ich klopfte an jeden Gegenstand und erzählte mir ständig selber, was ich gerade mache, damit ich meine eigene Stimme erkenne. Inzwischen erkannte ich auch schon Stimmenmelodien, wenn ich die Sprecher nicht sah und hörte schon Geräusche, außerhalb des Zimmers, in dem ich gerade war. So hört ich, als bei meiner Freundin im Haus der Sohn die Treppe herunter kam und das Fax im Wohnzimmer klingele, als ich in der Küche war. Auch konnte ich schon Musikinstrumente hören und das gar nicht unangenehm. Ich konnte die Tonleiter, die meine Freundin auf der Gitarre spielte, klar erkennen. Auch höre ich inzwischen meiner Nichte gerne beim Flöten zu.

Nur Melodien zu hören war schon eine zumindest ungewöhnliche Art der Wahrnehmung.

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