Reha-Tagebuch

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Die zweite Woche

Woche 2: Samstag

Auch am Wochenende ist unser Trio pünktlich auf dem Weg zur Brücke... Wie gestern genießen wir den herrlichen Anblick des Brückenpanoramas im Sonnenaufgang.

Von der Küche erhalten wir Lunchpakete und um 9 Uhr geht unser Ausflug nach Dänemark los. Es dauert nicht lange, bis wir die Grenze erreichen. Wir stehen mit dem Auto an einem unendlichen Strand, breit und weit… und viele Autos stehen dort fast schon im Wasser. Die Flut ist im Anmarsch, was wir beim „Wattwandern“ merken. Schnecken, Wattwurmhaufen, auch hier und da mal eine Krabbe oder Qualle.

Nach Picknick und Sonnenbad ist das Wasser wieder da. Wenn man erst einmal drin ist, ist es relativ angenehm, ich schätze 15 bis 16 Grad werden es gewesen sein. Es geht kaum Wind, die Lufttemperatur beträgt immerhin 25 Grad. Man muss es sich vorstellen: Wir schreiben den 1. Oktober und fahren nach Dänemark an die Nordsee, um dort zu baden!

Woche 2: Sonntag

Rendsburg-Bruecke

Der Tag beginnt wie gewohnt, nur habe ich diesmal Nordic-Walking-Stöcke dabei. Die Männer meinen, der Laufstil sieht gut aus. Viel interessanter sind aber die vielen großen Frachter, die heute so früh unterwegs sind.

Zum Frühstück packen wir wieder Lunchpakete. Heute geht es nach Husum und zum Nordstrand. Der Bus ist voll und ich darf als „Kleine“ auf dem halben Platz neben dem Fahrer (Olaf) und Markus sitzen. Hat den Vorteil, dass ich alles gut sehen kann. Der Nachteil aber ist, dass man schlecht vor sich hin dösen kann. Es gibt so viele Gesprächsthemen, und ich bin heute relativ gut drauf, was das Hören und Verstehen betrifft. Hinter uns sitzen Frank, Robert und Anneliese und ganz hinten Harald und Ina mit ihrem Sohn.

Im kleinen Hafen von Husum liegen die Schiffe im Schlamm. Es ist Ebbe. Nach einem kleinen Stadtbummel, geht es weiter nach Nordstrand. Das ist übrigens kein Strand, sondern eine Insel, die man über einen langen Damm erreicht. Und wir spazierten auf dem unendlich scheinenden Deich, wo viele, viele Schafe grasten.

Woche 2: Montag / 3. Oktober

Wir sind heute früh super schnell. Es ist wärmer als an den vorigen Tagen, aber nicht so klar – kein Stern und keine Morgenröte… Auch keine Schiffe... Als es anfängt zu tröpfeln, laufen wir noch schneller.

Nach dem Frühstück geht es trotz Feiertag weiter im Programm. Olaf übernimmt heute, und wir arbeiten wieder mit dem Fingeralphabet. Es bereitet mir kaum noch Probleme, ich muss nur sicherer und schneller werden. Die Zeit, die es manchmal braucht, nimmt keiner krumm. Es herrscht eine lockere Atmosphäre, ohne Druck lernt es sich leichter, keiner hat Angst – Frank kommentiert: „Ich bin eben ein Schlappohr...“

Beim anschließenden Mundabsehen verstehe ich nur Bahnhof... Mit Mimik und Gebärden kriege ich vielleicht 15 bis 20 Prozent von dem heraus, was gesagt wird.

Viel Spaß haben wir beim „Entwicklungskrimi“. Erst spricht uns Olaf Sätze lautlos vor, eine zusammenhängende Geschichte, die mit den Worten „und im Kofferraum lag...“ endete. Mit drei zuvor buchstabierten Wörtern soll der Minikrimi beendet werden. Die Ergebnisse gibt es wiederum als Abseh-Übungseinheit, und wir haben unseren Spaß an der blühenden Fantasie, die sich entwickelt.

Auch Anja versucht, uns spielerisch über den Feiertagsnachmittag zu bringen. Abseh-Memory mit „lebenden“ Karten. Die Zeit verging schnell und Anja muss sich ebenfalls beweisen. Aber wir machen es ihr nicht leicht, und so nutzt Friedrich die Gunst der Stunde zum Sieg.

Bis zum Abendbrot spazieren und radeln wir nach den verschiedensten Richtungen. Das Wetter hält sich und soll erst am Donnerstag kühler werden... Eine Woche ist herum, und ich fühle mich sehr wohl hier.

Erstaunlich die Fortschritte einiger in so kurzer Zeit. Ich bewundere Anneliese, die nach ihrer Operation, der Cochlea Implantation vor einem Monat, sich jetzt schon an eine Reha wie diese traut. Am ersten Tag wirkte sie so abgespannt. Und mit jedem Tag verschwindet ein Fältchen, versteht sie wieder ein bisschen mehr, und ihr Lächeln ist strahlender...

Ich bewundere auch Herbert, der uns mit so viel liebenswerter Hartnäckigkeit und Geduld zum Gebärden auffordert. Auch Bernd, den ich an den ersten zwei Tagen kaum verstanden habe, spricht deutlich und nicht zu schnell. Das ist wahrscheinlich die gegenseitige Vorbildwirkung ...

Woche 2: Dienstag

In der Frühe ist es mit 14 Grad immer noch warm. Wie gewohnt traben wir pünktlich los. Ich habe Frank zum „Stockeinsatz“ animiert. Nun stöckeln schon zwei, Harald hat seinen sicherheitshalber mit.

Auf den Vormittag mit Uli Hase freuen sich alle. Nach einer kurzen Zusammenfassung des letzten Seminars stellen wir noch einmal fest, wie wichtig gezieltes Nachfragen ist und dass die meisten unserer Gruppe passiv auf Störungen in einem Gesprächsverlauf reagieren. Erst wenn etwas passiert ist, gibt man es zu und weist auf die Hörschädigung hin. Die Verunsicherung ist auf der Gegenseite beim Gesprächspartner dann meist genauso groß.

Ulis Rat: „Ich sage es so früh wie möglich, aber nicht sofort.“

Wichtig die Dreiklang-Regel:

  1. Ich bin hörgeschädigt.
  2. Bitte schauen Sie in meine Richtung, dann kann ich Sie sehen und besser verstehen.
  3. Zum Thema zurückkommen.

Erst ist Thomas Ulis Übungspartner, dann ich. Uli lässt uns beim Rollenspiel solange 'arbeiten' und schlüpft auch selbst in die Hörgeschädigtenrolle, bis sich der Dreiklang gefestigt hat.

Dann geht es weiter mit Problemlösung. Harald möchte seinem gehörlosen Kollegen, der ausgegrenzt wird, helfen. Aber wie? Es ist schwer, beim Bund etwas ausrichten zu wollen. Uli sagt: Es gibt neue Regelungen, wie die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen am Arbeitsplatz zu berücksichtigen sind. Damit sollten wir die Arbeitgeber beschäftigen, und es sollten sich die Schwerbehindertenvertretungen dafür einsetzen: Integrationsvereinbarung

Auch mein 'Stressproblem' hat mit Arbeit zu tun – ich bin Lehrerin. Und es ist schon erstaunlich, wie mein Problem mit Hilfe der anderen schon fast gelöst ist. Bernds Tipp mit dem Tagesplan versuche ich umzusetzen, schließlich haben wir in der Schule früher auch einen Wochenplan gemacht. Damit wollte unser Klassenlehrer beweisen, wie viel freie Zeit uns noch zum Üben und für Hausaufgaben bleiben. Mir bleibt Zeit, unser Gespräch bis nächste Woche zu überdenken...

Am Nachmittag verteilt Anja Arbeitsmaterial zum Absehen, dann beschäftigen wir uns mit dem Großauftritt der Akustiker am Donnerstag. Etwa 20 angehende Akustiker werden uns besuchen und unsere Fragen beantworten. Gemeinsam tragen wir Fragen zusammen. Das geht von Preis bis Reinigung, Zubehör und Zukünftiges, Batterien und Akkus bis hin zur Frage nach Solarbetrieb für Hörgeräte... und was ein Audiologe eigentlich macht.

Mit Physiotherapeut Bernd gibt es dann noch eine Stunde Gleichgewicht-Koordinationstraining. Die Übungen sind nicht schweißtreibend, tun den Knochen und der Balance aber gut.

Im Fernsehraum zeigt uns Anneliese ihr neues Ohrpassstück-mit Strass-Steinen! Die habe ich letzte Woche in Marens Seminar auch schon ins Herz geschlossen. Markus hat Fotos auf einen USB-Stick gespeichert, wir lassen die erste Woche nun am Bildschirm Revue passieren.

Woche 2: Mittwoch

6:30 bis 7:30 Uhr Kanallauf als stimmungsvoller Einstieg in den Tag. Das Frühstück schmeckt.

Von 9 bis 12 Fingeralphabet und Mundabsehen. Das Fingeralphabet beherrsche ich mittlerweile, wenn auch noch nicht besonders schnell, und beim Lesen muss ich manchmal zweimal schauen. Aber beim Mundabsehen geht dann doch öfters die Fantasie durch bzw. verstehe ich nach wie vor Bahnhof, wenn ich mir keinen Reim darauf machen kann.

14 bis 18 Uhr erklärt Maren unsere Hörkurven. Jetzt habe ich es endlich kapiert! Und weiß, was die einzelnen Linien bedeuten, die Knochen- und Luftlinien, und wie die Kurven zu deuten sind. Mit der „verschiebbaren“ Banane lässt sich auch die Arbeitsweise der Hörverstärkung erklären. Dann kommen wir zum Cochlea Implantat, dem CI, und ich kann Harald und Friedrich zu ihren Höreindrücken befragen.

Woche 2: Donnerstag

Blick aus dem Fenster: Feucht und nieselig. Meine beiden Laufpartner warten schon. Erst später erfahre ich, dass sie den Spaziergang von mir abhängig gemacht hatten. Da ich heute unbedingt einen Geburtstagsbrief einstecken muss, stöckeln wir los…

Anja lässt uns wieder Mundabsehen. Nach wie vor komme ich nur schwer hinterher. Nach der Pause bilden Ina, Friedrich und ich ein Team. Zu verschiedenen Bildern zuerst je fünf Wörter lautlos sprechen und das Ganze dann in fünf kurze einfache Sätze verpacken Es macht Spaß mit den beiden zusammenzuarbeiten. Wir freuen uns gemeinsam über unsere noch bescheidenen „Abseh-Erfolge“, meist erst nach der Wiederholung.

Am Nachmittag kommen die auszubildenden Akustiker ins Nordkolleg bzw. zu uns. Auch die jungen Leute haben sich Fragen durch den Kopf gehen lassen. Es dauert aber, bis das Eis bricht. Was das Umgehen mit Hörgeschädigten betrifft, haben sie das Wichtigste bereits ziemlich komplett erfasst. Unsere Fragen zur Technik können sie aber nicht beantworten, da erst im Anfangslehrjahr lernend. So erübrigt sich auch die Frage nach solarbetriebenen Hörgeräten…

Dann ist für heute schon Schluss. Zum Radfahren ist es mir wegen der Nässe zu unsicher, aber Spazieren mit dem Schirm geht...

Woche 2: Freitag

Wir laufen heute im relativ Trockenen. Ich glaube, die Leute, die mit ihren Hunden Gassi gehen, kennen unser Dreigespann schon. Auf der „Rückrunde“ kommt uns ein Bekannter entgegen – Herbert dreht auch eine Runde, um sich seine Morgenzeitung (das „Bildungsblatt“) zu holen.

Anja bespricht mit uns zuerst das Wochenendprogramm: Mit dem Zug soll es nach Kiel und von dort mit der Fähre zur Insel Laboe gehen. So bleibt uns für heute nur noch eine Übung zum Mundabsehen, 10 Uhr ist Kaffeepause, und 15 Minuten später sind wir schon wieder im Verhaltenstraining.

Keiner in der Gruppe hat etwas dagegen, dass Thomas' Frau Marie und Töchterlein Mia mitmachen. Als Frank das kleine Lockenköpfchen auf den Schoß nimmt, fühlt es sich an seinen warmen Körper geschmiegt und von starken Händen beschützt so wohl, dass die Augen immer kleiner werden... Ein himmlisches Bild... Lorenz muss sich mit unserer geteilten Aufmerksamkeit abfinden und ganz schön arbeiten, um uns zum Reden zu kriegen.

Nach der Mittagspause kommen endlich die Gebärden dran. Logisch klingt die Zeiteinteilung, und so gebärden wir Zukunft, Gegenwart, Vergangenheit, morgen, heute, übermorgen, gestern und vorgestern, ziehen den „Jahreskreis“, zeigen Tag, Woche und Monat sowie die Tageszeiten. Schade, dass es erst Dienstag weitergeht.

Die Zeit hier vergeht wie im Fluge. Dabei erschien mir die erste Woche unendlich lang, noch so viel Zeit lag vor uns...

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