Reha-Tagebuch

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Die dritte Woche

Woche 3: Samstag

Pünktlich 6:30 Uhr starten wir in einen klaren neuen Tag. Das Frühstück schmeckt, und ich packe eine Kleinigkeit für unterwegs.

Mann-Frau-im-Strandkorb

Wir fahren nach Kiel, schippern mit der Fähre durch die Bucht zu verschiedenen Anlegestellen und steigen schließlich in Laboe aus. Möwen, Wind und Windsurfer, Wellen, Kälte, ein Strand voller Strandkörbe erwarten uns...

Frank schafft es, einen Strandkorb zu mieten. Damit hat bei der Kälte bestimmt keiner gerechnet, aber er bekommt einen Schlüssel für den Korb... In der Mitte zwischen ihm und Anja lässt es sich aushalten.

Manche Leute, die uns drei da sitzen und Sonnenstrahlen erhaschen sehen, wundern sich über das kurze T-Shirt und die Shorts von Frank. Er macht dann mit, fährt sich über die Stirn und stöhnt: „Ist das heute eine Hitze...“

So herzhaft lachen wir, immer wieder herrlich die verdutzten Gesichter der Passanten. Vielleicht haben wir unser Leben damit ein bisschen verlängert, denn jedes Lächeln verlängert dein Leben um 18 Sekunden... – behauptet zumindest Frank.

Woche 3: Sonntag

Morgenspaziergang im flotten Schritt. Irgendwie ist es heute viel zeitiger hell, klar und schon fast frostig, nur 1 Grad. Frühstück um 8 Uhr, und weil Sonntag ist, wird dann wieder ausgeruht.

Nach dem Mittagessen satteln Frank und ich die Räder. Wir wollen einfach den Kanal entlang fahren – so weit wie wir in zwei Stunden kommen. Bei 15 Grad und Sonnenschein brechen wir auf. Beim Fahren singe ich vor mich hin und achte auf die korrekte Bildung der Laute. Auf einmal habe ich das Gefühl zu wissen, was ich beim Sprechen bisher meist verkehrt mache...

Frank vorneweg in kurzem T-Shirt und Shorts grüßt die ganze Welt freundlich auf dänisch... Die Leute, die uns begegnen (meist fröstelnd in dicken Jacken) grüßen im ersten Moment zurück, schauen dann verdutzt und erstaunt auf seine sommerliche Bekleidung. Und diese vielsagenden, ungläubigen und teilweise amüsanten Blicke ernte dann ich, die ich hinterher fahre in Jacke, Wollmütze und Fingerlinge verpackt… Wir nehmen die nächste Autofähre und kommen schließlich zur Lotsenstation.

Ein ständiges An- und Abfahren. Drei Boote schwirren um die großen Kähne… Sogar die Küstenwache ist dabei.

Als wir umkehren, fallen ein paar Tropfen und wir schaffen es, mit dem einsetzenden Regen wieder im Nordkolleg zu sein.

Woche 3: Montag

6:30 Uhr... Heute sind wir zu viert, Herbert ist mit von der Partie. Ein klein wenig ändert sich die Route, da er seine Zeitung an der Tankstelle holt. Es ist erstaunlicherweise trocken, aber das ändert sich schon bald.

Heute, morgen und am Donnerstag steht jeweils von 9 bis 12 Uhr Selbsterfahrung mit Uli auf dem Plan. Für mich persönlich war das heutige Gespräch richtungsweisend. Ich habe mitgenommen:

  • Tages-/Wochenplan
  • Hilfe beim VdK suchen
  • mich mit Kommunikationspädagogik beschäftigen
  • meine Schüler noch mehr zum deutlichen Sprechen erziehen

Selbstentwicklung – dieses Stichwort steht auf Inas Blatt. Zuerst erzählt sie selbst. Ich bin betroffen über ihre pessimistische Haltung zum Leben, aber auch ihre persönlichen Probleme. Sie sieht toll aus, spricht sehr gut Deutsch, der leichte Akzent und die deutliche Aussprache sind ihr „Markenzeichen“. Nicht jeder Deutsche spricht so gut wie sie. Trotzdem hat sie Komplexe. Ina möchte das Gefühl haben, gebraucht zu werden.Mit unseren Fragen und einem kurzen Feedback sind die drei Stunden schnell um, und alle sind gespannt, ob es Lösungsmöglichkeiten oder zumindest Ansätze gibt.

Nach dem Mittagessen ist wieder Mundabsehen angesagt. Anja hat einen Lückentext für uns. Ungefähr die Hälfte aller Wörter verstehe ich gleich beim ersten Mal. Ein bisschen helfen mir wohl meine gestrigen „Lippenübungen“.

Dann dürfen wir in Gruppen arbeiten. Männerwahl ist heute. Herbert wählt Harald und mich zum gemeinsamen Arbeiten. Jeder hat ein anderes Thema und soll seine Mitstreiter dazu interviewen und darüber berichten. Aber alles ohne Stimme. Absehen, Gebärden und Fingeralphabet, auch Gestik und Pantomime sind erlaubt. Ich glaube, Herbert hat uns etwas gefoppt, nur beweisen können wir es nicht...

Nach dem Abendessen probieren wir an unseren Laptops den empfohlenen Link von Uli. Dort wird mit akustischen Beispielen und entsprechenden Audiogrammen gezeigt, wie „normal“ hörende Menschen hören und verstehen, und wie es sich bei hörbehinderten Menschen anhört.

Wieder auf dem Zimmer, erledige ich noch meine Post. Außerdem hat mich Inas Geschichte so berührt, dass ich ihr einfach eine Mail schreibe.

Woche 3: Dienstag

Heute früh regnet es, trotzdem stehen vier liebe 'Verrückte' vor der Tür. Harald hat sein CI auf dem Zimmer gelassen, Frank die Hörgeräte ebenfalls. Statt Stöcke nehme ich den Schirm abwechselnd in die Linke oder Rechte...

Von 9 bis 12 Uhr überlegen wir gemeinsam und denken über Inas und unsere Selbstfindung nach.

Es klingt manches fast philosophisch und so sammeln sich in meinem Heft Gedanken und Fragen. Es ist unheimlich schwer diese zu beantworten:

  • Was macht mich glücklich?
  • Was kann ich gut?
  • Wo stehe ich?
  • Wie baue ich mich auf?

Schrittweise Erfolgserlebnisse und positive Momente aufbauen...

Ina nimmt einen Rat mit, der auch für andere bzw. mich passen könnte: „Nicht so viel denken, was die anderen denken, oder nicht denken, sondern spontaner sein.“

Uli ist noch eine Berufsalternative für mich eingefallen, als Coach. Meine Stärken sind Beobachten und Zuhören, auch das Hinterfragen. Aber ich scheue mich, offensiv und fordernd auf andere zuzugehen. Mit seinem Hinweis auf Kommunikationspädagogik werde ich mich weiter befassen.

Aus Watzlawicks 'Anleitung zum Unglücklichsein' zitiert Ina: „Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen zerrt es.“

Nach dem Mittagessen sind endlich wieder Gebärden dran.
Folgende Sätze notiere ich mir zum Wiederholen und Üben:

  • Wer ist das?
  • Was hast du gestern Mittag gegessen?
  • Wie viele Menschen sind hier?
  • Was bedeutet das Wort?
  • Wie geht es dir?
  • Wie hast du geschlafen?
  • Wann treffen wir uns heute Abend?
  • Wohin fährst du im Urlaub?
  • Warum bist du hier?
  • Wohin gehst du heute Abend?
  • Fragewörter, Personalpronomen, Besitz, ?, !, bitte.....

Da gibt es aber noch zu tun…!

Woche 3: Mittwoch

Wir sind wieder vier und machen uns bei trockenem Wetter auf die Morgenrunde. Sie ist jetzt wegen der veränderten Strecke (bis zur Tankstelle für Herberts Zeitung) etwas kürzer. Nach einer Dreiviertelstunde sind wir wieder im Nordkolleg.

Heute steht auf dem Plan Artikulation – sowohl am Vormittag als auch am Nachmittag...

Anja stellt uns die Frage, WARUM die Artikulation so wichtig ist. Wir tragen zusammen:

  • Vorbildwirkung
  • sich verständlich machen wollen
  • der Gefahr einer Sprachmonotonie entgegenwirken
  • die eigene Sprache kontrollieren und mehr...

Letztendlich geht es darum, etwas Kontrolle über unsere Aussprache zurück zu gewinnen, die Lautstärke einschätzen zu können und durch eigenes Sprechen Einfluss auf den Gesprächspartner auszuüben.

Und was ist wichtig für gutes Sprechen? Luft...Richtig, die Atmung! Und deswegen machen wir Atemübungen. Auch die Körperhaltung beeinflusst das Sprechen, wir probieren es aus. Und wichtig ist natürlich auch die richtige Bewegung des Sprechapparates. Und das wird sogar gefilmt! Zuerst noch einmal kleinere Lockerungsübungen und dann erfolgt die Aufzeichnung.

Nach der Mittagspause wird ausgewertet. Die Gruppe gibt jedem ein Feedback zu Tempo, Mundbild, Lautstärke, s-Laute und Endungen, Blickkontakt, Mimik und Pausen, und es wird die Aufnahme mit der Selbsteinschätzung verglichen. Ich freue mich, dass alles gut ankam, weil ich immer etwas an meinem Mundbild zweifele. Normal könnte ich sogar noch schneller sprechen, wird mir bescheinigt.

Woche 3: Donnerstag

Es ist klar und trocken. Als Herbert auch 5 Minuten nach unserer üblichen Abmarschzeit noch nicht da ist, tippen wir auf „Verschlafen“ und laufen los.

Auf der Straße überlegen Harald und ich, ob die nette Radfahrerin, der wir jeden Tag begegnen, schon vorbeigefahren ist... Was für ein Erstaunen, als wir dann ein langsam fahrendes Rad auf uns zukommen sahen. „Sie sind doch nicht etwa nur wegen uns so langsam gefahren?“ „Doch...“ Wir halten alle einen Moment an, und sie erzählt, wie lustig und interessant sie unser Grüppchen findet und täglich über uns grübelt – Hausgemeinschaft, Freizeit- oder Sportgruppe, Gleichgesinnte? Wir stellen uns ihr als Reha-Teilnehmer vor.

Auch beim Frühstück vermissen wir Herbert, jetzt machen wir uns ernsthaft Sorgen... Aber um 9 Uhr ist er wieder da, er war mit dem Auto einkaufen. Ich bin wie die anderen erleichtert.

Für heute hat Uli uns eine Hausaufgabe aufgegeben: „Stellt euch vor, ihr seid zur Hochzeitsfeier eures Neffen oder Sohnes mit etwa 70 Personen eingeladen…Was tut ihr? Wie bereitet ihr euch darauf vor?“

Jeder hat da so seine eigene Taktik, nicht hingehen der eine, früher nach Hause gehen der andere, eine Rede vorbereiten nach dem Motto gesehen werden (und dann nicht mehr) und ähnliches. Auch der Tipp von Uli, dass die Frau bleibt und er sie später abholt, kommt an.

Danach werden wieder Problemlösungen gesucht. Erst legen Friedrich bzw. Frank ihre Anliegen dar, dann stellt die Gruppe Fragen. In der dritten Phase erörtert die Gruppe das jeweilige Problem und versucht Wege aufzuzeigen. Erst zum Schluss geben die beiden ihre eigene Rückmeldung. Bei beiden geht es u.a. um das Verständnis der Angehörigen.

Wie oft fragen wir unseren Partner schon: „Wie geht es dir mit meiner Hörschädigung?“ Man muss sich viel mehr darüber austauschen und reden.

Denen, die mit ihrer Hörschädigung hadern (und leiden), entgegnet Uli: „Das Ausmaß der Hörschädigung steht in keinem Zusammenhang mit der Lebenszufriedenheit.“

Wie oft laufen beide Partner vor der Kommunikation weg - aus Bequemlichkeit, Angst, Unverständnis!

Frank könnte über die Schwerbehindertenvertretung um die Absicherung des Arbeitsplatzes kämpfen. “Du hast auf zwei Ebenen, bei Arbeit und Familie Punkte, die Druck machen. Das ist nicht gut für deine Ohren“, gibt Uli zu bedenken.

Am Nachmittag ist Gebärden mit Lorenz angesagt – in Kurzfassung: Trinken, Kaffee, Tee, Bier, Wein, Sekt, Schnaps, Wodka, Wasser, Saft, Orangensaft, Apfelsaft, Schorle, Spezi, Mixgetränk, Cola, Coca Cola, Limo, Whisky, Cappuccino, Espresso, Latte Macchiato, Milchkaffee, Sahne, Milch … die Gewürze, Zucker, Salz, Pfeffer… Und dann kommt das Essen dran....

Nach dem Kaffee muss ich noch einmal zum Briefkasten. Das Wetter ist herrlich für einen Kanalbummel.

Woche 3: Freitag

In der Frühe verabschieden wir unsere nette Radfahrerin mit einem Schokoladengruß in ihren Urlaub.

Anja lässt uns heute Rezepte vom Mund absehen. Alles alternative Vorschläge für die Weihnachtszeit, wie sie uns vorher erklärt. Aber bei manchen Zutaten trauen wir den Ohren – nein, den Augen nicht. Man nehme ein bis zwei 'Elefanten'??? (Gemeint war der Elefantenpudding, der wiederum so heißt, weil er in einer Elefantenform zubereitet wird).

Mit Lorenz steht wieder Verhaltenstraining an... Ganz besonders geht es um das gezielte Nachfragen und das Ausnutzen aller Kommunikationsmöglichkeiten, also auch Fingeralphabet und Gebärden.

Nach der Mittagspause erfolgt die weitere Auswertung der Videoaufzeichnungen unserer Artikulationsübungen.

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