Reha-Tagebuch

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Die letzte Woche

Woche 4: Samstag

Heute bin ich geflogen! Nicht auf die Nase, sondern echt! Ein Rundflug bei schönstem Wetter über Rendsburg ist ein Erlebnis. Über die Hochbrücke hinaus und noch höher… Aus 500 Metern konnte ich Wiesen und Felder, Dörfer, Straßen, den Kanal und die Eider aus der Vogelperspektive betrachten. Ein bisschen Schiss hatte ich ja zu Beginn und deshalb hatte ich auch die Krankenkassen-Karte und den Blutgruppenausweis dabei. Harald chauffierte uns liebenswürdigerweise, und Anneliese beobachtete Start und Landung sowie den Flug als irdischer Schutzengel.

Mit Anneliese habe ich außerdem die Kommunikationsmöglichkeiten in ihrer Umgebung geprüft. Wir recherchierten gemeinsam auf meinem Laptop im Internet nach Kontakten zu Schwerhörigen bzw. zu Selbsthilfegruppen in ihrer Region.

Am Abend gabs ein Lagerfeuer... Klarer, sternenklarer Himmel, ein ordentliches Feuer – die Küche stellte uns Stockbrotteig bereit.

Als die ersten schon weg gehen, taucht Uli auf und nun wird es gesellig. Spielt doch mal 'Ich packe einen Koffer' ohne zu sprechen, nur mit Gebärden oder Pantomime. An Thomas ist glatt ein Pantomime verloren gegangen – besser könnte es auch ein Profi-Schauspieler nicht…

Woche 4: Sonntag

Hamburg mit Lorenz steht auf dem Plan… Harald hat zuvor die Verbindungen herausgesucht, Frank das Ticket besorgt, Lorenz empfängt uns am Hamburger Hauptbahnhof.

Bei schönstem Wetter führt Lorenz uns zu den Anlegebrücken und zum alten Elbtunnel. In über 26 Meter Tiefe führt dieser unter die Elbe ans andere Ufer. Einen reichlich halben Kilometer hat man unter Wasser zu gehen und dann wieder weit mehr als 100 Stufen hoch bzw. runter...

Am Aussichtspunkt gegenüber den Landungsbrücken bietet sich uns ein herrliches Panorama mit Ausflugsdampfern, großen und kleinen Schiffen, Möwen, Hamburger Skyline... Auch die berühmte Davidwache ist zu erkennen. Zurück auf der anderen Seite führt Lorenz uns in ein portugiesisch-spanisches Viertel, wo sich unsere Wege teilen. Jeder sucht sich ein Plätzchen zum Verweilen und Kaffee genießen.

Woche 4: Montag

Morgenlauf wie gewohnt, die Zeitung für Herbert bringen wir mit.

Nach dem Frühstück erwartet uns Anja um 9 Uhr zum Absehen. „Heute wird es zur Abwechslung mal lyrisch“, kündigt sie für heute Gedichte an. Jeder darf mal ohne Stimme vortragen. Wenn langsam und deutlich gesprochen wird, ist der Lückentext für mich lösbar, aber manchmal muss ich doch knobeln – zum Beispiel sehe ich 'Schopf' statt 'Kopf'...

Mit Lorenz tauschen wir uns weiter zum Thema Cochlea Implantat (CI) aus. Über das CI kommen wir zum Problem mit 'Helfern' und 'Hilfe' an sich – egal, ob gut gemeint oder nicht.

Lorenz bietet mir an, noch einmal den Weg ins DHS-PORTAL zu suchen. Mit seiner Hilfe klappt es dann auch. Statt Schönheitsschlaf schaue ich mich dann neugierigerweise im DHS PORTAL um und bin erstaunt, eine Nachricht an mich zu finden. Also beantworten... Beim Weiterscrollen finde ich noch mehr Beiträge u.a. „Frank wird zum Morgensport genötigt“... Na, das muss aber richtig gestellt werden! So ist die Mittagspause schnell um.

Weiter geht es wieder mit Anja. Es gibt Organisatorisches zu besprechen wie Heimfahrt und Koffertransport, Abschlussabend und Überraschungsnachmittag, Gruppenfoto und mehr.

Woche 4: Dienstag

Uli, der Philosoph: Nach der Geschichte über Herberts Begegnung am Kanalufer – “Was brauchen Sie denn eine Reha, Sie hören doch!“ – kommen wir zum Thema.Uli sagt: „Ich fühle mich wie ein Mensch mit Wackelkontakt, mal gut, mal taub...“ Und gleichzeitig legt er uns ans Herz: „Ihr seid nicht behindert, ihr seid Kommunikationsexperten“.

Bernd lebt mehr in der Welt der Gehörlosen. Was ist da besser oder anders? Die Gehörlosen betrachten sich als Sprachgemeinschaft, nicht als Leidensgemeinschaft.

Die Hörgerätewerbung suggeriert: Beste Technik, besseres Hören! Wer es nicht kann, ist selber schuld. Das erzeugt Scham und nicht das positive Gefühl dazuzugehören...

Die drei Stunden waren wieder so interessant, auch als es um das Thema von Markus ging, 'Rücksicht', und wo Markus und ich feststellten, wie schnell wir doch selbst trotz aller guter Vorsätze 'rücksichtslos' sein können...

Einige Gedankensplitter noch...

  • Die Gebärdensprache ist nicht nur Sprache, sondern auch Lebensgefühl.
  • Möglicher Nachteil der Inklusion: Wenn gehörlose Kinder eine normale Schule besuchen, wie soll sich da die Gebärdensprache weiter entwickeln?
  • Nehmt die Hörschädigung zum Anlass, euch auch einmal auf neue Welten einzulassen.

Nach dem Mittagessen sind Zahlen an der Reihe. Um diese zu gebärden, muss man ganz schön fit sein und beide Hände im Einsatz bewegen können. Schlagzeuger, Klavier- und Keyboardspieler sind da im Vorteil.

Woche 4: Mittwoch

Draußen ist es grau in grau…Aber unser Trüppchen läuft bei jedem Wetter.

Am Vormittag stehen drei Stunden Sozialrecht auf dem Programm. Einiges davon ist mir schon bekannt. Wichtig beim Feststellen des Grads der Behinderung (GdB) sind die Aussagen der Fachärzte. So muss man darauf achten, ob z.B. der Tinnitus erwähnt ist und mehr. Markus möchte wissen, ob er eine persönliche Untersuchung anfordern kann? Eggert empfiehlt, lieber einen anderen Arzt aufzusuchen. Den gesamten Vortrag erhalten wir als Kopie zum Nachlesen.

Der angekündigte Berater der Rentenversicherung ist leider krank und so entfallen die gewünschten Einzelgespräche. Schade, ich wäre gern ein paar Fragen los geworden.

Ab 14 Uhr gibt es eine Überraschung. Die Gruppe wünschte sich einen Ausflug ins Wikingerdorf. Aber der Regen macht uns einen Strich durch die Rechnung und so beschließen wir, in Rendsburg gemütlich Kaffee zu trinken.

Meine mitgebrachten Bücher fühlen sich in Rendsburg vernachlässigt. Aber mir geht es gut!

Woche 4: Donnerstag

Unser Morgengrüppchen ist das vorletzte Mal unterwegs.

Nach dem Duschen mache ich beim Anziehen der Socken eine blöde Bewegung und irgendwas in meiner linken Schulter knackt… Es schmerzt beträchtlich und ich traue mich, Thomas anzusprechen.

Der funktioniert den Fernsehraum kurzerhand zum Behandlungsraum um und „bearbeitet“ meinen Körper. Ich kann nicht sagen wie, aber es wirkt. Den Arm kann ich bewegen und am Abend ist auch der letzte Schmerz weg…

Die Kommunikationsrallye am Nachmittag ist echt spitze! Wir haben Gelegenheit alle unsere Stärken auszuspielen. Endlich bilde ich auch mal mit Bernd ein Team. Außerdem gehören noch Friedrich und Elke zu uns. Wir haben viel Spaß bei Friedrichs Pantomimenspiel.

Woche 4: Freitag

Ein letztes Mal Kanal am Morgen…Über das Gruppenfoto freuen sich Ilona, unsere Putzfee, Markusa und Co in der Küche sowie Peter, der Chefkoch.

Es folgen die Abschlusseinzelgespräche.

Den Brief an mich darf ich nicht vergessen, ich schreibe auf, wie es mir jetzt geht und was in mir vorgeht, Zukunft und Wünsche… Jeder versiegelt seinen Brief höchstpersönlich. In einem halben Jahr werden die Briefe ihre Verfasser erreichen.

Wunderbar die Idee, sich auch gegenseitig und ganz persönlich zu beschenken. Nach dem Kaffee verabschiedet sich Lorenz, meine Augen sind leicht feucht. Mit viel Einfühlungsvermögen und Geduld schärfte er in den Kommunikationsübungen unseren Blick für uns selbst und unser Umfeld. Seine (fast) letzten Worte an uns: „Dann entlasse ich euch als unheilbar hörgeschädigt, als Menschen gestärkt und wertvoller als je zuvor.“

Bernd geht als Nächster. Vielleicht treffen wir uns mal in Leipzig. Dort gibt es einen regen Verein und ein großes Haus der Begegnung. Noch ein letztes Mal spazieren Frank und ich zur Brücke und genießen das leckere Eis. Beim Abendbrot ist die Stimmung etwas gedrückt, wir sind nicht mehr vollzählig.

Woche 4: Samstag

Kein Morgenlauf, Gepäck ist vorausgeschickt, die Klamotten auf dem Weg nach Hause. Frühstücken und dann irgendwie den ganzen Rest im Rucksack unterbringen.

Anja verabschiedet sich von uns. Ich habe viel bei ihr gelernt und erfahren, wie wichtig eine saubere Aussprache ist… Ich glaube, meine hat sich sogar gebessert. Wir haben Freizeit gemeinsam verbracht, geblödelt und gelacht. Danke, Anja!

Robert wird abgeholt. Noch zwei, dreimal kehrt er um… Tschüss Robert! Harald und Markus lassen sich Zeit, auch Friedrich sowie Harald und Elke haben es nicht eilig.

10:20 Uhr wird Olaf uns, Ina und ihren Sohn Mark, Anneliese und mich sowie Frank zum Bahnhof fahren.

Aus Gewohnheit schlage ich noch einmal die Rendsburger Tageszeitung auf, um nach der Guten-Morgen-Spalte mit den alltäglich-liebenswürdigen Geschichten zu schauen – und ich traue meinen Augen nicht… Wir stehen drin!

Zur Erklärung: Ich hatte unsere Begegnung mit der Radfahrerin am Kanalufer der Zeitung gemailt. Auch Frank und Harald sind begeistert, die Stimmung steigt etwas. Markus nimmt die Zeitung an sich und verspricht, den Artikel zu scannen und uns per E-Mail zu schicken…

Dann kommt Olaf und wieder heißt es Abschiednehmen. Abschied von Markus, wir zwei sind in der letzten Woche so richtig warm miteinander geworden. Dafür war wahrscheinlich die 'Problemlösung' bei Uli mit verantwortlich.

Abschied von Herbert, der uns immer frohgelaunt und manchmal mit Augenzwinkern ins Gespräch holte. Wir werden weiter in Verbindung bleiben! Auf Wiedersehen Elke und Harald! Ich bin schon gespannt, wann ihr euch den Rennsteig vorknöpft und erwarte euren Besuch. Auf Wiedersehen Friedrich, Ina, Mark, Anneliese! Und Frank, der mir schnell noch einen Brief zusteckt.

Vor dem Bahnhof heißt es wiederum Abschied zu nehmen von Olaf, dem 'Manager' im Hintergrund. Herrlich seine Bemerkung, dass er Frank „gerade auf dem Tisch hatte“ als dieser anrief, und wie wir uns das in natura vorstellten…

Ich wünsche, dass die Rehas in Rendsburg weiterleben. Was kann ich tun, wem kann ich es an oberen Stellen weitersagen? In vier Jahren möchte ich wiederkommen dürfen…


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Wer weitere Fragen zu diesem persönlichen Bericht hat, kann sich gern an das Webteam wenden, das sich dann mit der Autorin in Verbindung setzt.

Weiterführende Infos zum Rendsburger Reha-Zentrum für Hörgeschädigte sind unter www.hoergeschaedigt.de zu finden.

Unter Hören und Verstehen haben wir kurze allgemeine Informationen zu Rehabilitationen für Hörgeschädigte veröffentlicht.

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