Ein Schlappohr hat eine Vision

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Reihe mit 6 Strichmännchen, die sich an der Hand fassenHeft 34 / Winter 2010 Seite 33

Hier beschreibt Jochen Müller seine Vision eines Kommunikationszentrums für hörbehinderte Menschen. Viel Engagement ist dazu nötig, ein Projekt dieser Größenordnung zu stemmen - wer hilft mit?

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Ein Schlappohr hat eine Vision

von Jochen Müller

Wer an schlappe Ohren denkt, der kann einem Leben mit Kommunikations- und Beziehungsproblemen in der hörenden Welt nur wenig Positives abgewinnen. Was ja auch nur allzu verständlich ist.
Einer unsichtbaren Behinderung wird allgemein nur wenig Beachtung und Rücksichtnahme entgegengebracht, das Wissen darüber ist eher gering.

Stattdessen wird dem Verhalten und den Reaktionen des Betroffenen, die ja letztlich eine direkte bzw. indirekte Folge der Hörbehinderung sind, eine erheblich höhere Aufmerksamkeit entgegengebracht – und infolgedessen einer Bewertung unterzogen, die wenig Respekt, Verständnis und Wertschätzung beinhaltet.

Ich denke, ich schreibe hier nichts Neues. Aber wie jede Medaille zwei Seiten hat, gibt es auch eine positive Seite, die nach meinen Erfahrungen in der Verbands- und Seminararbeit von Vielen nicht gesehen, wahrgenommen oder geschätzt wird:

Die Schlappohren-Kultur.

Whow, ein neuer Begriff! Gefällt mir, euch auch? Was ist darunter zu verstehen?

Ich denke an Dagmar Gregor auf dem Herbstseminar. Sie ist hörend, mit unserem sympathischen Frank Wanzenberg liiert, die auf eine entsprechende Frage sagte: "Diese Herzlichkeit und Wertschätzung untereinander, die Offenheit, Ehrlichkeit und Zuwendung dem anderen gegenüber erlebe ich in der hörenden Gesellschaft so gut wie gar nicht."

Ich kann dies nur bestätigen, da ich, noch beträchtlich jünger, als Leiter einer Schwerhörigen-Jugendgruppe in Essen mich zunehmend darüber wunderte, dass immer mehr Hörende in unsere Gruppe kamen und Mitglied wurden. Nach ihren Beweggründen gefragt, kam die Antwort: »Ihr habt eine ganz besondere Art zu kommunizieren, ihr schaut aufmerksam, ihr hört mit den Augen und mit dem Herzen zu, dies ist ein äußerst seltenes Erlebnis in der hörenden Welt, und deshalb kommen wir nur zu gern!« Und dies ist nur ein Beispiel von vielen.

Wie nannte auf dem Seminar in der Abschlussrunde Peter Dieler die DHS: "Deutsche Heimat der Schlappohren". Und genau so habe ich meinen fast lebenslangen Kontakt mit hörbehinderten Menschen auf meine Art erlebt und genossen – als Karibikurlaub, als ein zwischenmenschliches Paradies.

Könnt ihr euch vorstellen, was solche Erfahrungen mit einem Menschen machen, der offen, lern- und lebensbegierig sich darauf einlassen kann?

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