Brief eines Schwerhörigen aus der Reha

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Wie könnte eure Hilfe konkret aussehen?

  • Habt Geduld mit mir, wenn ich um Wiederholung des Gesagten bitte.

  • Schreit mich nicht an, denn die verzerrte Stimme kann ich erst recht nicht verstehen. Sprecht ganz einfach klar und deutlich.

  • Es hilft mir, wenn ihr mich beim Sprechen anseht. Die Mundbewegungen sind für mich zusätzliche Bausteine bei der Zusammensetzung des "Wort-Satz-Puzzles".

  • Nehmt mir nicht übel, wenn ich bei einer Geburtstagsfeier in "kirmes-ähnlichen Dimensionen" frühzeitig nach hause gehe. Ich verstehe kaum etwas, das Hören wird Schwerstarbeit, mein Kopf dröhnt, ich fühle mich "wie im falschen Film". Ihr amüsiert euch köstlich und ich durchlebe Qualen.

  • Ich bin es gewohnt und mir macht es nichts aus, wenn man sich schon mal über meine Schwerhörigkeit lustig macht. Ich kann genug einstecken und sogar mitlachen, allerdings nicht öfter als "hundert Mal" über den gleichen Witz von dem gleichen lieben Mitmenschen. Niemand wird auf die Idee kommen, einen Rollstuhlfahrer oder Blinden wegen seiner Behinderung zu "veräppeln". Die Behinderung eines Hörgeschädigten ist jedoch nicht sichtbar, also ist er deshalb "Freiwild"!?

  • Wenn Ihr mich ansprecht oder mir von weitem etwas zuruft, dann seit bitte nicht verärgert, wenn ich nicht reagiere. Ich bin nicht sauer auf Euch, sondern habe Euch ganz einfach nicht gehört!

Ich will abschließend nicht verschweigen, dass Schwerhörigkeit mitunter auch sehr vorteilhaft sein kann:

  • Im Dienst klingelt das Telefon und ich schlafe ruhig weiter.

  • Die Müllabfuhr entleert unsere Tonne "mitten in der Nacht" direkt vor dem geöffneten Schlafzimmerfenster, aber ich merke fast nichts.

  • Ich lese seelenruhig meine Zeitung während am gleichen Tisch mehrere Frauen geräuschmäßig in einer Art "Hühnerstall-Atmosphäre" die wichtigsten Neuigkeiten aus dem Dorfleben austauschen.

  • Meine liebe Ehefrau ruft "Du könntest mal staubsaugen und geschirrspülen!", aber diese Wörter werden einfach nicht mehr von mir wahrgenommen. Schreckliches Schicksal!

Ihr seht, ich trage meine Behinderung auch mit Humor. Ich meine, so kann man einfacher damit leben.

Und übrigens: Meine Reha-Maßnahme in Bad Grönenbach war für mich auch deswegen eine ganz besondere Erfahrung, weil ich feststellen musste, dass es mir gemessen am Schicksal anderer Patienten noch "saumäßig" gut geht. Ich höre immerhin noch so viel, dass ich mir das Nichtgehörte einigermaßen zusammenreimen und mit Hörgerät sogar noch Musik genießen kann. Nach dem, was ich hier in der Klinik gesehen und erlebt habe, weiß ich diese "komfortablen Restfähigkeiten" ganz besonders zu schätzen.

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