Auf der Suche nach Sinn

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Selbstverwirklichung – Sinnverwirklichung

Selbstverwirklichung - Frankl ist diesem Modewort gegenüber sehr reserviert. Wer Selbstverwirklichung will, schaut vorrangig auf sich: seine Fähigkeiten, seine Wünsche, seine Ziele. Wer Sinnverwirklichung will, schaut vorrangig auf die ihm vorgegebene Situation, auf die Menschen, die ihm anvertraut sind, auf seinen Arbeitsplatz, auf die gesellschaftlichen und politischen Szenen.

Natürlich ist es wichtig, dass der Mensch seine positiven Fähigkeiten realisiert. Aber dies muss so geschehen, dass dadurch das Leben der anderen ermöglicht, erhalten oder sogar gesteigert wird.

  • Wer nur in sich hineinfrisst, dem wird das Leben schnell "zum Kotzen". Der Mensch ist nicht dazu da, in einseitiger Innenorientierung um sich selbst zu kreisen.
  • Ist im Blick auf die Psychoszene die in vielen Selbsterfahrungsgruppen praktizierte und provozierte Innenorientierung nicht von gegensätzlicher Wirkung?
  • Werden viele Menschen dadurch nicht immer sensibler für sich selbst, aber immer unsensibler den Mitmenschen gegenüber? Es geht um eine gesunde Balance von Innenorientierung und Außenorientierung.
  • Ist nicht auch die einseitige Problemorientierung in den Bereichen des Helfens - Seelsorge, Beratung, Psychotherapie, Psychiatrie - ebenfalls von gegensätzlicher Wirkung?

Wir sind alle Artisten in der peniblen Rekonstruktion des Misslingens. Aber das Leben immer wieder auch unter dem Aspekt seines Zaubers, seines Geheimnisses, seines Reizes, seiner Schönheit wahrzunehmen, dies verlernen wir nur häufig allzu schnell. Wir sollten es wieder üben, um die seelische Kraft zu mobilisieren. Die Fähigkeit, das Leben trotz allem als wertvoll zu begreifen, das Leben trotz allem als lebenswert zu erleben, ist nicht selbstverständlich. Sie setzt den Sinn für das Leben voraus. Und nicht wenige haben den Sinn für das Leben verloren.

Wenn ein Mensch zu dir kommt, weil etwas in seinem Leben schief gelaufen ist, und er einen braucht, der zuhört: dann hör gut zu.

  • Sei ganz bei ihm. Und lass ihn klagen und lass ihn weinen und lass dir sagen, dass das Leben zum Verzweifeln ist. Und glaub es ihm. Für diesen Augenblick jedenfalls.
  • Aber achte sehr auf den Moment, da sich die Klage im Kreise dreht.
  • Dann brich das Schweigen und bring das Karussell der Klage zum Stillstand.
  • Denn nun gilt es zu entdecken, was in diesem Leben gelungen ist und noch gelingen kann, trotz allem.

Jeder Lebenssituation Sinn abgewinnen

Zur "ärztlichen Seelsorge": Viele denken darüber nach, was noch zu machen ist, auch wenn ganz offensichtlich nichts mehr zu machen ist. Die überzogene "Therapie" mit Stahl, Strahl und Chemie bei Krebs ist bekannt. Logotherapeuten denken darüber nach, was zu tun ist, wenn medizinisch nichts mehr möglich ist. Frankl zufolge ist es möglich, jeder Lebenssituation Sinn abzugewinnen. Und den Grenzsituationen sogar den höchsten Sinn. Dabei kommt es auf die Einstellung an, die der betreffende Mensch zum Leiden hat, und auf die Haltung, in der er sein Leiden trägt. Es geht um die optimale Verarbeitung eines unabänderlichen Geschicks.

Die Logotherapie geht davon aus, dass Religion zum Menschsein hinzugehört und das Leben des Menschen in allen Dimensionen bestimmt. Die Frage nach Sinn ist zwar nicht identisch mit der Gottesfrage. Aber weit genug verfolgt, mündet sie irgendwann ein in die Frage nach Gott. Und eine weitere Entsprechung gibt es zwischen Logotherapie und Theologie: Sie sind angezeigt, wenn völlig gesunde Menschen unter der Sinnlosigkeit des Lebens zu leiden beginnen und bei vielen anderen Störungen.

Ich meine, dass die informativen und teilweise provozierenden Thesen Stoff zum Nachdenken und Diskutieren bieten. Auf jeden Fall passen sie gut zu den negativen Auswirkungen unserer heutigen Wohlstandsgesellschaft. Vielleicht fühlt sich die eine oder der andere Leserin oder Leser dazu aufgerufen, weitere Spuren für sich oder für andere Menschen zu verfolgen.

Quelle:

Wolfram K. Kurz, Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Exis-tenzanalyse e.V., Heft 1, November 1992
Literatur von Viktor E. Frankl, Elisabeth Lukas, Wolfram K. Kurz


Internet:

www.logotherapie.com
www.logotherapie.net
www.existenzanalyse.com

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