DHS-Fortbildungsseminar für Hörbehinderte 2018 – Thema Resilienz

Beitrag im FORUM 50, Winter 2018: DHS-FORTBILDUNGSSEMINAR vom 19. bis 22. April 2018 in Eisenach, Thema: Resilienz, Referentin: Marion Sodemann

Von U. L.

Das Seminar fand in der „Mitte Deutschlands“ statt, direkt gegenüber der Wartburg. (Ja, wir blickten vom Haus Hainstein zur Wartburg rüber.) Die Teilnehmerzahl war maximal. Die Einladung zu dieser Veranstaltung hatte mich neugierig gemacht: Resilienz entwickeln. Wie schaffen es Menschen Krisen zu überstehen und sogar an ihnen zu wachsen?

Während der Vorstellungsrunde musste ich schmunzeln: So wie ich, hatten mehrere Teilnehmer im Vorfeld Mister Google nach dem Begriff „Resilienz“ befragt. Andere hatten bereits Vorwissen und wussten mit dem Wort etwas anzufangen. Ob es Ängste gibt und welche Erwartungen an das Seminar wir haben, fragte die Referentin in der Vorstellungsrunde. Hier einige Antworten:

  • ,…Erwartungen sehr viele. Ich will erfahren, was es ist, und bin gespannt, was ich mitnehmen kann.“
  • “Ich lasse mich überraschen.“
  • „…Wie kann man das praktisch in der Gruppe umsetzen?“
  • „Durch eine Erkrankung bin ich mit Ängsten konfrontiert worden. Daher dachte ich mir, ich nehme alles mit, dass die eigene Widerstandsfähigkeit verbessert.“
  • „Ich will Resilienz nutzen, um Ruhe in Familie und Verein zu bringen. Das Thema interessiert mich auch privat.“
  • „Hatte mir den Text durchgelesen, damit ich weiß, worum es geht. Kann man gut im Leben brauchen.“
  • „Resilienz hat auch etwas mit Stress zu tun, denke ich. Die eigene Widerstandsfähigkeit wieder herstellen in Stresssituationen. Daher die Anmeldung.“
  • „Resilienz war für mich fremd. Ich habe positive Erwartungen und bin gespannt, was es bringt.“
  • „Um noch mehr zu erfahren, um das Bestmögliche mitzunehmen.“
  • „Habe beim Googeln festgestellt, dass mir das Thema bekannt vorkommt. Sich selbst akzeptieren….“
  • „Mich hat das Thema hergezogen. Ich denke, es ist ein neues Wort für eine, uns bekannte, Situation. Unser Fell zu stärken. Das kann nie schaden.“

Die Referentin, Marion Sodemann, fand es spannend zu hören, wie viele Mr. Google befragt haben und wie allwissend Google ist. Einer der Teilnehmer hatte das Wort Widerstandskraft gewählt. Das ist auch wirklich die deutsche Übersetzung. Der Begriff Resilienz kommt aus der Werkstoffkunde. Er beschreibt Biegsamkeit, die Kraft oder Fähigkeit in die ursprüngliche Form, Position etc. zurückkehren zu können, nachdem man verbogen, zusammengestaucht oder gedehnt wurde. Das ist ein guter bildlicher Vergleich, wenn wir von Resilienz beim Menschen sprechen. Wie kommt es, dass manche Menschen nach Krankheiten, Schicksalsschlägen, Depressionen wieder aufrecht stehen und manche auch nach langer Zeit noch Schlagseite haben.

Nach dieser Vorstellungsrunde und Einführung ging es dann an die Arbeit. Marion kündigte an, dass es viele Gruppenarbeiten geben wird und sie besonderen Wert auf den Austausch legt. Erste Aufgabe: Jeder suche sich eines, oder zwei, der ausliegenden Fotos aus, das seiner heutigen Gefühlslage entspricht. „Was beschäftigt euch heute?“ Anhand der ausgewählten wunderschönen Fotos erfuhren wir so viel Interessantes und teilweise auch Persönliches über die Teilnehmer unserer Runde. Keiner musste, jeder durfte berichten, warum er sich gerade für dieses Bild entschieden hat, das Bild, welches die heutige Gefühlslage anspricht und die Gedanken beschäftigt.

„Welche persönlichen Eigenschaften und äußeren Umstände sind bei Krisen besonders hilfreich?“, lautete der nächste Auftrag. Die Zusammenstellung der vier Gruppen erfolgte übrigens mithilfe von Leckereien. Jeder durfte in einen Beutel mit Süßigkeiten greifen und diese bestimmten die Zusammensetzung. Nach einer halben Stunde erfolgten die Präsentationen. Positive Einstellung, Selbstbewusstsein, die Erkenntnis, Dinge nur selbst verändern zu können, Hilfe annehmen können, soziale Kontakte, professionelle Hilfe, kleine nette Gesten im Alltag und mehr wurde genannt und zum Teil durch persönliche Erfahrungen bekräftigt. Ob Mindmap, Gegenüberstellung oder die Umstellung des Wortes Selbstbewusstsein zu „bewusst selbst sein“ – jede Gruppe fand neue Aspekte und es war spannend, den anderen zu lauschen.

Einer Teilnehmerin fiel ein Spruch ein:

„Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.“
(Karl Valentin)

In diesem Satz steckt viel drin. Es hängt von der Bewertung der Situation ab. Wie ich sie bewerte, davon hängt ab, wie ich mich fühle. Es gibt immer mehrere Bewertungsmöglichkeiten.

Damit leitete Marion über zu dem von ihr ausgewählten Modell der Resilienz. Dieses besteht aus acht Grundprinzipien. Es sei das schlichteste Modell, erklärte sie, aber auch das Verständlichste. Vieles wurde von den Teilnehmern bereits genannt. Sie stellte uns Resilienz als ein Haus vor, in welchem viele Dinge schweben, beispielsweise der Kontakt zu anderen. Das Haus steht auf acht Säulen. Diese Säulen sind:

Optimismus, Loslassen, Akzeptanz, Verantwortung, Lösungsorientierung, Neuorientierung, Bindung/soziale Netzwerke, Glaube/Spiritualität.

Optimismus wurde oft genannt. Eine positive Lebenseinstellung beinhaltet die Überzeugung, dass sich nach schwierigen Zeiten die Dinge auch wieder zum Positiven wenden werden, man darf den Glauben nicht verlieren. Hierzu gab es eine Aufgabe zur Selbstreflexion. Wir sollten an eine schwierige Situation denken, an eine schlimme Krise. Was hätte alles schief gehen können? Und wie war es dann wirklich?

Loslassen: Nicht nur Menschen sollen losgelassen werden, sondern auch Muster und Belastungen. Im Alltag wird uns oftmals nicht genau bewusst, was uns genau belastet. Auch spüren wir Schwierigkeiten häufig nicht im Kopf, sondern an anderen Stellen bzw. in der Körperhaltung. Dazu gab es eine passende Übung(„Hase“), in der wir uns unsere Körperhaltung und Körperspannung bewusst machten, um sie dann zu lockern. Loslassen bedeutet auch Veränderung und, womit wir schon bei der nächsten Säule sind.

Akzeptanz: Mit der Akzeptanz der Hörschädigung hatten wir uns bereits beschäftigt.? Nicht alles in unserem Leben lässt sich steuern und bestimmen. In Zweiergruppen sollten wir uns unterhalten, mit welcher Schwäche wir am wenigsten klar kommen und was sich ändern würde, wenn ich diese Schwäche akzeptiere. Meiner Partnerin und mir fiel auf Anhieb dazu nichts ein. Dass wir dann doch Dinge fanden, „Schwachstellen“, aus denen wir selbst herausfanden, erklärte Marion mit dem Prozess des Akzeptierens.

In Kleingruppen arbeiteten wir an der nächsten Säule, der Verantwortung. „Was denkt ihr über die Aussage: Jeder ist für sich selbst verantwortlich? Welche Entwicklungsmöglichkeiten stecken eurer Meinung nach darin? Selbstverantwortung, Mitverantwortung, Abhängigkeit und Unabhängigkeit, „Fremdbestimmung“ und eigene Entscheidungen – allen war gemeinsam: Eine bewusste Entscheidung ist Selbstverantwortung. Wenn ich es nur Recht machen will, gebe ich die Verantwortung ab.

Die Referentin ergänzte noch:

“Es geht hier auch um Verantwortung. Das Wort Antwort steckt dort drin. Wenn ich Verantwortung übernehme, dann verlasse ich die Opferrolle. Opferrolle heißt, ich mache mich klein, mir geht es so schlecht.“

Ich schlussfolgere: Resiliente Menschen betrachten sich nicht als Opfer der Umstände, sondern versuchen, in realistischer Einschätzung ihrer Möglichkeiten, ihr Leben neu zu gestalten.

An dieser Stelle, am Sonntag, fragte Marion nach unserem Energiefass. Wie sieht mein Fass aus? Was füllt mein Fass auf und was leert mein Fass? Die meisten Fässer waren gut gefüllt. Zum Füllen tragen bei: Freunde, Familie, Enkel, auch Seminare wie dieses, Radfahren, Lesen, der Rundgang durch Eisenach wurde erwähnt, Wellness und ausreichend Schlaf, meditativer Tanz, Gartenarbeit, Natur, Urlaub und Reisen, kreatives Schaffen, positive Rückmeldungen, ein Lächeln… Und was leert die Fässer? Ärger, Übermüdung, Krankheiten, der Umzug, auch mal der Oma-Tag, Hörstress in Konfliktsituationen, das Gefühl ausgegrenzt zu sein, die Neigung zum ständigen Grübeln, Stress, Verpflichtungen, die keinen Spaß machen, Konflikte, Ungerechtigkeiten, Hektik und Unwissenheit, Dummschwätzer.

Mit dem Angebot für eine Entspannungsrunde und einer Ein-Wort-Rückmeldungsrunde beendeten wir den ersten Tag.

Das Feedback der Teilnehmer: Anstrengend, intensiv, inspirierend, ermüdend, gut, lehrreich, tiefsichtig, positiv, interessant, fordernd, aufwühlend, energiefressend-positiv, gut aufwühlend, neuer Blickwinkel, sehr gut, sehr spannend.

Am Sonntag wünschte sich Marion von uns ein „Stimmungsbild“, eine Momentaufnahme. Nachdem wir schon so vieles über die Grundpfeiler der Resilienz gelernt hatten, sollten wir kurz einschätzen, wo wir stehen, wie resilient wir sind. Lösungsorientierung setzt voraus, dass wir etwas als Problem anerkennen und nicht die Augen davor verschließen. Die Energiefass-Aufgabe vom Vortag hatte uns schon auf den richtigen Weg geführt und leitete Marion zum nächsten Thema, der Neuorientierung, über.

Wenn man in einer Situation verharrt, kostet es Mut, einen Schritt zu machen.

Von Gandhi stammt der Spruch: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst.“

Darin steckt viel Weisheit und Wahrheit. Die Teilnehmer sollten sich eine Waage vorstellen. Auf der einen Seite die Stärken, d. h. Kompetenzen und Potenziale, die er schon lebt. Auf der anderen Seite die Schwächen, also die schlummernden Potenziale. Es war gar nicht so einfach, in 10 Minuten alle seine Stärken und Schwächen auf die Waage zu werfen.

„Je länger ich zuhöre, desto mehr frage ich mich, was sind Stärken und Schwächen?“ Marion betonte, dass sie keine Schwächen oder wunde Punkte aus uns heraus zerren möchte.

„Man muss sich ständig optimieren. Man muss an den Schwächen arbeiten, um besser zu werden. Das Leben ist wie eine Waage. Wenn du sagst, meine Waage ist ausgeglichen, dann hast du ein gutes Lebensgefühl. Es muss nicht immer höher, weiter, schneller sein. Wir sollen so leben, wie wir sind.“

Nur wir selbst können uns ändern. Andere ändern uns in der Regel nicht für uns. Daraus folgt: Ändere Dinge die, dir nicht guttun. (Dieser Spruch stammt von Gandhi)

Das eingangs erwähnte Haus steht auf acht Säulen. Es bricht nicht gleich zusammen, wenn ein oder zwei Säulen fehlen. Auch wenn fünf Säulen fehlen, hält es noch. Man muss nicht alle aufgelisteten Punkte perfekt beherrschen. Hin und wieder wird ein Haus auch renoviert und ist es legitim, die Säulen auszutauschen. So berichtete z. B. eine Teilnehmerin, dass sie aufgrund ihrer Schwerhörigkeit früher eine Zeit lang geweint hatte und die Säule des Glaubens neben der Hilfe ihres HNO-Arztes eine wichtige Säule war. Und wie wichtig die Säule Bindung/ soziale Netzwerke ist, haben wir u. a. in der Energiefassdiskussion erfahren.

In der abschließenden Rückmelde-Runde gab es viel Lob für die Referentin, aber auch für die Mit-Teilnehmer.

  • „Es war ein schönes, inspirierendes Seminar.“
  • „Vielen Dank an euch und an eure Offenheit.“
  • „Die Runde und die Gespräche haben mir sehr gefallen. Ich nehme viel mit zurück.“
  • „Resilienz lebe ich schon, auch wenn ich das Wort noch nicht kannte.“
  • „Resilienz war mir nicht geläufig. Es war ein spannendes Seminar. Sonst muss man immer sehr aufpassen, dass man alles versteht. So war es dieses Mal nicht.“
  • „Was ich mitnehme und bemerkenswert fand, war eure Offenheit. Jeder hat sich geöffnet.“
  • „Ich bin wegen der Resilienz hergekommen. Mir ist klar, dass mein Haus sehr verlottert ist, ich muss die Säulen entkernen… Ich danke allen für die Impulse.“ 
  • „Ich bin ohne Erwartungen hergekommen und gehe mit einem vollen Koffer wieder nach Hause. Mit einem Bauplan für neue Projekte. Und dafür möchte ich danken.“

Das Schlusswort hatte die Referentin Marion: „Für mich war es eine schöne Erfahrung. Ich war aufgeregt, da die Gruppe so groß war. Es hat sich gleich gut angefühlt. Ich sagte es schon. Ihr seid die Spezialisten und ihr braucht nur Methoden. Danke für den netten und freundlichen Umgang. Es war toll.“

Auch von mir noch einmal ein ganz großes Dankeschön den Organisatoren, der Referentin, den Schriftdolmetschern und allen Teilnehmern.

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