Mit einem Los geht's los - HuK 2014

Bericht zum Seminar Hör- und Kommunikationstaktik für Schwerhörige vom 22.05. bis 25.05.2014

von M. P.

Nachdem sich die Teilnehmer/innen am Donnerstag in der Baumrainklinik, Bad Berleburg eingefunden hatten, wir mit Erika Classen, Seminarleiterin und Peter Dieler, Audiotherapeut, bekannt gemacht wurden, das Organisatorische abgehakt war, hieß es: „Nun zur Vorstellungsrunde". Nein, nicht ich heiße, komme aus, bin dieses oder jenes, sondern Lose ziehen. Aus diesen setzten sich Paare zusammen, die die Aufgabe bekamen, sich gegenseitig zu interviewen, um dann der Gruppe den/die Interviewpartner/in vorzustellen. Damit waren wir für diesen Abend entlassen und jede/r konnte nach langer Anreisezeit in seinem Zimmer sich dem wohlverdienten Schlaf hingeben.

 

Was ist eigentlich Kommunikation?

Freitag, 09:15 Uhr Start in erwartungsvolle Tage. Was Kommunikation ist: Ein Austausch von Informationen unter wenigstens zwei Bereichen, die nicht zwingend Menschen sein müssen. Aber niemals ist sie einseitig und im zwischenmenschlichen Miteinander eine Grundvoraussetzung für Beziehungen. Kommt es hier zu Versäumnissen, sind Missverständnisse vorhersehbar.

Was bedeutet das für einen Hörbehinderten? Mit welchen Hindernissen hat er zu kämpfen, die ein Hörender nie nachvollziehen kann? Da geht die Mimik nicht mit Verstehen zusammen, die Körpersprache passt nicht zum gehörten Wort, Signale werden nicht empfangen, der Erwartungshaltung wird nicht entsprochen, die Liste ließe sich beliebig verlängern. Was kann ich als Nichthörende/r für mich tun, dass ich besser verstehe und wie mache ich mich verständlich?

Da hilft sicher an erster Stelle die Technik in Form von Hörgeräten oder CI's, plus Hilfsmittel um diese zu unterstützen. Aber das sind und bleiben nur „Verstärker" und ohne die Bereitschaft die Behinderung anzuerkennen, sich mit ihr auseinander zu setzen und sich mit der Trauerarbeit zu befassen, werden sie nie ein Teil von mir selbst. Erst wenn dieses Tal angesehen und das Begreifen der Folgen angenommen wird, kann eine Auseinandersetzung im positiven Sinne erfolgen.

Von Taktiken und Brücken

Die Widerstände, Hürden, Kämpfe, Aggressionen, Frustrationen, Ärgernisse, Unverständnisse können nur verhältnismäßig unbeschadet, gesundheitlich mit nicht noch zusätzlichen Belastungen, gemeistert werden, wenn die psychische Stabilität gegeben ist. Unser täglicher Weg führt uns über zahlreiche Brücken, die nicht immer tragfähig sind und unter uns einzustürzen drohen. Oft genug erleben wir, dass von uns ein Maximum gefordert wird und wir folglich über unsere Grenzen gehen. Da wir aber von unserem Gegenüber nicht selbstverständlich erwarten können, auf ungeteilte Aufmerksamkeit und Verständnis zu stoßen, liegt es an uns, die Regeln aufzustellen und ihr Einhalten einzufordern. Wie oft aber ducken wir uns, machen uns selber etwas vor, nehmen uns zurück oder treten besonders forsch auf, verstecken uns hinter Taktiken, in denen wir zu wahren Meistern werden.
Eine Lobby haben wir nicht, können nicht Aufmerksamkeit erregen, da uns unsere Beeinträchtigung nicht anzusehen ist. Keiner springt auf um uns durch den Dschungel der Wörter, der Krachmacherstraße zu führen, unser Dolmetscher zu werden, wo wir die Sprache nicht mehr verstehen. Wir sind Ausländer in unserem eigenen Land.

Sich selbst stark machen

Darum und nur darum ist es so unglaublich wichtig, sich stark zu machen für dieses Leben, das uns aufgetragen wurde zu meistern, und das uns durch ein Seminar, eine Begegnung mit Gleichgesinnten, die Tatsache vor Augen führt, dass wir nicht die einsamsten Menschen auf Gottes weitem Feld sind. Wir sind die Starken, denn ein hörendes Leben zu führen ist uns nicht gegeben, aber Selbstbewusstsein und eine Akzeptanz unserer Einschränkungen können uns zu dem machen, was wir aussenden wollen. Ich will die Person, die Persönlichkeit bleiben, die ich bin, und mich nicht zu Gunsten der Hörenden verbiegen. Ich schaffe die Grundlagen für eine gelungene Kommunikation, verschiebe die Grenzsteine, mache mir bewusst, dass Hörende auch nicht alles verstehen, probiere und experimentiere immer wieder an einer funktionierenden Verständigung und nehme meine Bedürfnisse wahr.
Denn Anpassung macht krank: Ich befreie mich von dem Druck alles hören zu müssen, gehe den unwesentlichen, belanglosen Gesprächen aus dem Weg und gestatte mir selbst, wann ich mich einbringe. Nur ich weiß was mich belastet und stresst, mich erschöpft und ermüdet. Ungestörte Orte suchen, Entspannungstechniken üben, aus- und abschalten und der eigene Therapeut werden, dass kann uns die Tatsache, mit einer Behinderung zu leben, erleichtern und wieder lebenswert machen.
Das Seminar wurde mit der Kleingruppenarbeit, dem Erstellen einer Collage, abgerundet und brachte erstaunliche Ergebnisse zu Tage. Durch das Veranschaulichen des Lebensweges, der hinter uns und noch vor uns liegt, stimmte sicher jeden Teilnehmer/in nachdenklich. Damit haben die Tage der Seminararbeit hoffentlich allen einen Eindruck hinterlassen, der durch die Zeit trägt.
Abschließend ist Erika Classen für die aufrüttelnde und so eindrücklich vermittelte Thematik zu danken. Peter Dieler für die Einsatzbereitschaft und selbstlose Möglichkeit auch das Unmögliche noch hinzubekommen. Ines Reimann für die Organisation und den reibungslosen Ablauf.

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