Schriftdolmetscher am Arbeitsplatz – meine Erfahrungen…

Beitrag im FORUM 49, Frühling/Sommer 2018

Von M. B.

Schriftdolmetscher kannte ich bisher nur von unseren Herbstseminaren. Dort sind sie eine angenehme Unterstützung, aber dank FM-Anlage für mich nicht unbedingt nötig. Deshalb habe ich eine solche Unterstützung bei der Arbeit immer als „überflüssig“ und für mich „peinlich“ angesehen. Ich war es gewohnt, bei unseren internen Fortbildungen und Teambesprechungen entweder meine eigene FM-Anlage zu benutzen (wenn es nur einen Sprecher gab) oder mich auf meine „Abseh-Fähigkeiten“ zu verlassen…  smile

Als wir vor 2 Jahren einen neuen Kollegen bekamen, der deutlich schlechter hörte als ich, beschlossen wir, gemeinsam einen Schriftdolmetscher zu beantragen – natürlich nur ihm zuliebe… Tja, ich war gänzlich überrascht, dass mein Antrag innerhalb von 2 Wochen vom Integrationsamt genehmigt wurde! So gut scheinen meine Ohren also tatsächlich nicht zu sein…

Das Integrationsamt schickte auch gleich eine Liste von Dolmetschern in unserer Nähe, und wir wurden uns rasch mit einer Firma einig.

Und dann begann meine „Odyssee“…

Freitags morgens um 7 Uhr war kein Dolmetscher für unsere interne Fortbildung zu bekommen. Zu weite Anfahrtswege, zu früher Termin – wie wäre es denn mit einem Online-Dolmetscher?

Nun muss man wissen, dass ich als Krankengymnastin nicht gerade hervorragende Computerkenntnisse besitze, und wir als Reha gesamt außer der Verwaltung nicht viel damit zu tun haben.

Also musste unser IT-Fachmann her, es musste erst mal WLAN in unseren Besprechungsraum verlegt werden, Skype auf dem Laptop installiert werden, Internet-Sicherheitsvorkehrungen und, und, und…

Dann bekamen wir ein Mikrofon geschickt, und es ging los.

Für mich begann der Stress…

Während der Fortbildung saßen wir also am Laptop, ich wollte gleichzeitig die Fortbildung mitbekommen und verstehen und sollte für die Dolmetscher Fachworte korrigieren und ggf. mit ihnen kommunizieren. („Da ist ein Störgeräusch“, „das Mikro rauscht“, „zu leise“, „zu schnell“,…) Dafür hätte man wohl schon gesunde Ohren gebraucht. Hinzu kamen genervte Kollegen, weil ich immer wieder unterbrechen musste („hast du dein Handy in der Tasche, es piept im Mikrofon?“ u. Ä.)

Wir hatten nur ein kleines „Ansteckmikrofon“, welches nur für einen Redner gedacht war und nicht rumgegeben werden konnte. Dementsprechend waren die Kollegen der letzten Reihe (wir sind ca. 40 Mitarbeiter bei diesen Fortbildungen) weder von mir im Raum, noch vom Dolmetscher zu verstehen.

War mit dem Mikrofon alles in Ordnung, stürzte der Laptop ab, weil er meinte, spontan ein Update machen zu müssen.

Nein, es war kein Spaß – und für mich durch das ganze „Drumherum“ auch nicht wirklich eine Hilfe. Ich war arg frustriert, zumal mein hörbehinderter Kollege von mir erwartete, dass ich alle Probleme für ihn beseitigte.

Der Firma muss ich zugutehalten, dass sie echt alles probiert haben, um zu helfen. Mehrere Tests, Mikrofonaustausch, Besuch vor Ort, um sich die Gegebenheiten anzuschauen – dennoch: ich wollte nicht mehr.

Und dann geschah das Wunder…:

Für unsere monatliche Teambesprechung mittags um 12 Uhr bat ich um einen „Vor-Ort-Dolmetscher“. Die Dolmetscherin kam mit eigenem Laptop, hatte gleich den Überblick, für mich waren keine Vorbereitungen nötig, hinsetzen, mitlesen, fertig. Ich war glücklich! Bitte, bitte weiter so!

Die internen Fortbildungen erledigten sich von selbst, sie wurden nämlich dank eines neuen Chefs gestrichen. Dafür sind jetzt zweiwöchentlich Teambesprechungen – mittags um 12 Uhr. Ich habe drei feste Dolmetscher, die sich abwechseln, die im Laufe des letzten Jahres die nötigen medizinischen Fachworte gespeichert haben, die mittlerweile die Abläufe kennen – und mir geht es gut!!!

Mittlerweile hat mein Kollege die Stelle gewechselt, die Dolmetscher kommen „nur“ für mich, ich kann den Besprechungen viel entspannter folgen, kann mich zurücklehnen und bekomme meistens mehr mit, als die hörenden Kollegen, die zwischendurch auch mal abschweifen.

Und ein weiterer Vorteil: Meine Kollegen haben dadurch begriffen, dass ich tatsächlich nicht so gut höre, wie es im Zweiergespräch vielleicht den Anschein hat, und nehmen auch im Alltag mehr Rücksicht, oder unterstützen mich von sich aus.

Mein Fazit: Es war ein harter Weg mit vielen Hindernissen, aber ich bin froh, dass ich ihn gegangen bin und möchte die Dolmetscher heute nicht mehr missen!

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