Mit dem „Stangenmikrofon“ durch die Reihen

Beitrag in Forum 54, Winter 2020: Rubrik Aus den Selbsthilfegruppen

Text von H. S., Selbsthilfegruppe für Hörgeschädigte Emsdetten

Normalerweise wäre es sicherlich ein ereignisreiches Jahr für unsere Gruppe in Emsdetten geworden. Der Besuch im Hörzentrum Oldenburg war fest terminiert, Referenten und Gäste waren eingeladen, und die Anschaffung eines neuen FM-Koffers sollte forciert werden. Aber was ist schon normal in diesem von einer Pandemie beherrschten Jahr?

In der ersten Märzwoche konnten wir uns noch treffen, und dann – Rummms – nichts geht mehr! Die Sorge, werden wir uns in diesem Jahr überhaupt noch treffen dürfen? Wird sich die Gruppe auflösen, wenn wir uns monatelang nicht sehen werden? Werden wir unsere beiden schwer erkrankten Mitglieder (kein Corona) wiedersehen?

Technisch und altersbedingt waren wir nicht in der Lage, Videokonferenzen zu organisieren. So wurde eben viel telefoniert, wurden E-Mails geschrieben, aber all‘ das konnte bei weitem nicht den persönlichen Kontakt ersetzen. Depressionen und Schwermut waren spürbar, zumal niemand wusste – wie lange noch?

Normalerweise treffen wir uns an jedem ersten Mittwoch im Monat abends um 19 Uhr. Nachdem der „Lockdown“ teilweise aufgehoben wurde, haben wir es riskiert und uns nachmittags zu Kaffee und Kuchen draußen in einem Café getroffen. Fast mit den Händen greifbar war die Erleichterung, dass ein Treffen wieder möglich ist. Große Freude und Dankbarkeit – selbst unsere beiden „Sorgenkinder“ war gekommen!

Mit Abstand und dem „Stangenmikrofon“ – das Mikro von dem FM-Koffer auf einer Teleskopschiene gebunden – haben wir uns darüber unterhalten, wie wir die vergangenen Wochen verbracht und erlebt haben. Es wurde von der Zurückgezogenheit und von dem Erlahmen jeglicher Energie berichtet. Alle hatten ihre Schwierigkeiten mit der „Maske“, dem Nichtverstehenkönnen mit diesem „Schnutenpulli“ und die Probleme, dass sich die Bänder der Maske beim Abnehmen mit dem Hörgerät oder dem CI verhakten. Beim Abschied hatten wir die Hoffnung, dass wir uns im August zum Kaffee und späteren Grillen bei einem Gruppenmitglied, anlässlich des siebzigsten Geburtstag, wiedersehen.

Inzwischen haben wir die Nachricht erhalten, dass „unser“ Raum in dem Haus, in dem wir uns normalerweise treffen, wieder betreten werden darf. Angesichts momentan steigender Infektionszahlen bleibt die Unsicherheit ... Es ist ein Jahr – irgendwie zum Vergessen.

Wäre es möglich, würde manch einer gerne die Restart-Taste drücken. Uns allen ist – jetzt sehr deutlich – bewusst geworden, wie wichtig die Gesundheit und das Gemeinschaftsgefühl in der Selbst-Hilfe-Gruppe sind.